Das Dilemma der Sarrazin-Debatte

Selten war eine Debatte so vergiftet wie jene um das Buch “Deutschland schafft sich ab” von Thilo Sarrazin, das am Montag erscheinen soll. Durch Rezensionen, Vorab-Auszüge sowie Interviews und Streitgespräche mit Sarrazin sind die wesentlichen Passagen bekannt. Im Grunde ist das Buch ein Aufguss des Interviews, das im vergangenen September in der Kulturzeitschrift “Lettre International” veröffentlicht worden war.

Schon im letzten Jahr verwahrten sich die Linke, die Grünen und weite Teile der SPD zusammen mit Migrantenverbänden gegen die grundlegende Behauptung Sarrazins, die Integrationsschwierigkeiten in Berlin ließen sich nach Herkunftsländern und Religionszugehörigkeit kategorisieren. Und damals wie heute drohte Sarrazin ein Parteiausschlussverfahren und eine berufliche Sanktion im Vorstand der Bundesbank (er musste Teile seines Geschäftsbereiches abgeben). Und damals wie heute rebellieren Teile der Bürgergesellschaft gegen die Sarrazin-Kritiker, mit dem Argument, hier werde nur der Überbringer der schlechten Nachricht gekreuzigt.

Neue Entwicklung in der Haltung der Union

Es gibt dieser Tage jedoch einen entscheidenden Unterschied zur Debatte vom vergangenen Herbst: Die vergifteten Provokationen, die von Sarrazins Thesen ausgehen, werden neuerdings auch von Vertretern des bürgerlichen Lagers erwidert. Angela Merkel ließ ihren Tadel Sarrazins ex cathedra, also offiziell über den Regierungssprecher unters Volk bringen, drei weitere (mehr oder weniger prominente) Christdemokraten, Wolfgang Schäuble, der Ex-Generalsekretär Ruprecht Polenz sowie die “Integrationsbeauftragte der Bundesregierung” Maria Böhmer zeigen mit dem Finger auf die SPD, und bedeuteten: In unseren Reihen würden wir so einen wie Sarrazin nicht länger dulden.

Damit erlebt die Debatte über Sarrazins Thesen einen neuen Tiefpunkt. Von der derzeit komatös-sprachlosen FDP einmal abgesehen, scheint sich das gesamte in Berlin parlamentarisch vertretene Parteien-Spektrum gegen Sarrazin verschworen zu haben (die Freien Wähler Friedrichshain-Kreuzberg hatten freilich im Juli eine unvoreingenommene Debatte über Sarrazins Thesen gefordert).

Um Integration geht es schon gar nicht mehr

Das Dilemma besteht darin, dass die Debatte auf allen Seiten allein unter dem Gesichtspunkt geführt wird, wie man beim jeweiligen Gegner den größtmöglichen politischen Schaden anrichten kann – und daran ist Thilo Sarrazin selbst nicht ganz unschuldig. Seine überzogenen Formulierungen, die zu Recht als in Teilen sozialdarwinistisch zurückgewiesen werden, verbauen seiner Partei die Möglichkeit, mit Sarrazins Thesen “zu punkten”. Das hat die Union offenbar erstmals in dieser Woche begriffen – reichlich spät. Die Reaktion der Union zielt aber keineswegs darauf ab, die erneut auflodernde Debatte inhaltlich etwa aufzunehmen (dazu fehlt es ihr offenbar an Kompetenz und neuen Lösungsansätzen). Die Reaktion der Union (“In unseren Reihen würden wir so einen wie Sarrazin nicht länger dulden”) ist erkennbar auf den einzigen Zweck gerichtet, das Nest des politischen Gegners als beschmutzt darzustellen. Wer Sarrazins Thesen – und nicht nur seine überzogene Wortwahl – in Bausch und Bogen “denunziert”, verhindert damit die Befassung auch mit dem “Körnchen Wahrheit“, das Tissy Bruns vom Tagesspiegel in Sarrazins Thesen gefunden hat.

Nachdem Sarrazin – bei einem erfahrenen Politiker, der eine Debatte befördern und nicht ausbremsen will, rational kaum noch nachvollziehbar – über die Fertilität von Zuwanderern und Unterschichten schwadroniert, und damit eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Thema Integration mehr erschwert als befördert, drischt die Union auf Sarrazin als nicht mehr satisfaktionsfähig, auf seine Thesen als keiner inhaltlichen Auseinandersetzung würdig ein. Damit begeht sie denselben Fehler wie das gegnerische Lager aus Linken, Grünen und SPD, jenen Fehler, den – wie gesagt – auch der Provokateur Sarrazin sich ankreiden lassen muss: Alle miteinander verhindern eine überfällige Debatte.

Nicht, dass wir Freien Wähler traurig wären, wenn wir mit unserer wesentlich offeneren Debatte ein weiteres Alleinstellungsmerkmal in der Parteienlandschaft erhielten.

Aber wir befürchten, dass schneller und wirksamer als die Freien Wähler dazu in der Lage sind, in Berlin und darüber hinaus sich ideologische Vereine und nationalkonservative Gruppen des Themas bemächtigen. Wenn wir zwei Wünsche frei hätten: Dann würden wir die etablierten Parteien bitten, über die Debatte der Person und Parteizugehörigkeit Sarrazins nicht die dringend benötigte integrationspolitische Grundsatzdebatte, die noch gar nicht richtig begonnen hat, schon wieder zu Grabe zu tragen.

Und der zweite Wunsch: Wenn Sie an dem Thema interessiert sind, dann verfolgen Sie die Debatte auf unseren Webseiten, und möglichst auch in unseren Arbeitskreisen und Mitgliederversammlungen. Sie würden mit ihrer Mitwirkung in der zum Thema Integration derzeit einzig sprechfähigen demokratischen Partei Berlins auch die politische Mitte stärken, gegen eine Usurpierung der Debatte durch ideologisierende und insbesondere rechte Gruppierungen. Die Daten zur jeweils nächsten Mitgliederversammlung finden sie regelmässig auf http://www.freiewaehler-berlin.de/.

P.S.: Man muss die Stellungnahmen des Qualitätsjournalismus beinahe mit der Lupe suchen, die ebenfalls vor einer Ausgrenzung Sarrazins warnen. Wir haben bei Jörg Lau aber eine gefunden, die wir nicht vorenthalten wollen.

P.P.S. (30. August 2010 um 10:48): Ein lesenswerter Beitrag von Necla Kelek findet sich seit heute morgen auf http://www.faz.net/-01gz9g

5 Kommentare to “Das Dilemma der Sarrazin-Debatte”

  1. In einem für morgigen Sonntag bei der Morgenpost angekündigten Interview wird Sarrazin wie folgt zitiert:

    „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Dieses Zitat fiel, nachdem Sarrazin gefragt wurde, ob es eine genetische Identität gibt. Zuvor hatte der ehemalige Berliner Finanzsenator gesagt, die kulturelle Eigenart der Völker sei keine Legende, sondern bestimme die Wirklichkeit Europas.

    Bleiben die Freien Wähler angesichts dieser Einlassung dabei, dass man über Sarrazins Thesen debattieren sollte?

  2. Mal abgesehen davon, dass der inkriminierende Satz von Sarrazin inhaltlich falsch sein dürfte (für die Englisch-Leser: vgl. http://www.nature.com/nature/journal/v466/n7303/full/nature09103.html ):

    Erwägungen, die zur Begründung der Nürnberger Rasse-Gesetze herangezogen worden waren, in die aktuelle Zuwanderungsdebatte einzuführen, erscheint – gelinde gesagt – äußerst geschmacklos.

    Sarrazin hat damit binnen weniger Stunden seine letzten Verbündeten verprellt, siehe

    http://www.myheimat.de/wiesbaden/politik/sarrazin-debatte-roland-koch-macht-sich-zum-narren-d781002.html

    und der von ihm doch eigentlich erbetenen Debatte weiter geschadet. Das hatten wir bereits in unserem Artikel oben bemängelt, und dieser Befund hat sich durch das heute erschienene Interview Sarrazins in der Morgenpost weiter erhärtet.

    Es wäre daher zu begrüßen, wenn die Diskussion nicht länger um den Teilaspekt kreisen würde, ob Sarrazin evtl. zu Unrecht ausgegrenzt wird, sondern um die Frage, ob wir eine neue Zuwanderungs- und Integrationspolitik benötigen, und ggf. welche.

  3. ich kann nur hoffen, dass die anständigen bürger sich ihre unfaire meinungsmache nicht mehr lange gefallen lassen!

  4. Zunächst mal zu dem Kommentar von e.müller (oben): Der Freie-Wähler-Blog versucht hier einen Spagat hinzulegen zwischen den unglücklichen Aspekten in Sarrazins Interventionen, und dem Körnchen Wahrheit, das er unstreitig ja auch verbreitet. Und ich finde, dass dieser anspruchsvolle Spagat – und damit keineswegs unfair gegen jemanden – sogar gelungen ist! Besser als alles was ich in der Presse gelesen habe, von Schirrmacher vielleicht abgesehen.

    Aber das ist eigentlich nicht das Thema meiner Nachtkritik. Ich möchte meinen Eindruck von der Beckmann-Sendung, die gerade eben zu Ende gegangen ist, hier schildern. Die Sendung fing an wie ein Tribunal, die Nervosität auf allen Seiten war anfangs mit Händen beinahe zu greifen. Sarrazin ausgesprochen näselnd, mäanderte sprachlich in einer von ihm sehr ungewohnter Weise, verbat anfangs sich jede Unterbrechung, offensichtlich mit dem Schlimmsten rechnend.

    Doch die hinzugeladenen Zeugen der Inquisition, die niedersächsische Integrationsministerin, von der SPD Olaf Scholz, die Grüne Renate Künast und der Kronzeuge der TV-Wissenschaft, Rangar Yogeshwar, zeigten sich menschlich beeindruckt. Nicht von Sarrazins Thesen, sondern davon, dass Sarrazin offensichtlich die Hosen voll hatte.

    Entsprechend (aber unerwartet) einfühlsam fiel die Kritik der Runde aus, die Fetzen flogen keineswegs. Interessant an der ganzen Debatte war nur, dass unterschiedliche Weltanschauungen miteinander rangen. Sarrazin bedauerte, dass gelehrte und damit in ihrer “Intelligenz” approbierte Schichten (er nannte Professoren- und Pfarrerfamilien) von ihren ökonomischem und gesellschaftlichen Privilegien beim Kinderkriegen keinen Gebrauch mehr machen, wie das bis in die 60er jahre noch der Fall war. Dass die Reproduktionsrate des Bildungsbürgertums unter die des Zuwandererproletariats gesunken ist. Und dass dadurch der Gen-Pool unserer Gesellschaft leiden könnte (was ja keinesfalls abwegig ist, wenn man das Wort Gen-Pool durch das Wort Bildungs-Affinität nur ersetzt).

    Niemand kam auf die Idee, Sarrazin – oder muss man seinen Namen in diesem Zusammenhang Sarrazyn buchstabieren? – vorzuhalten, dass das doch wohl eher ein Problem des Bildungsbürgertums ist, für das – bei aller Bereitschaft zu sonstigen Schuldbekenntnissen – die Zuwanderer nun wirklich keine Verantwortung tragen. Dass die Zuwanderer ja nun nicht auch noch aufs Kinderkriegen verzichten können, nur um den schwindenden Anteil der Kinder aus privilegierten Schichten in staatsbürgerlich-bevölkerungspolitischer Verantwortung zu stabilisieren.

    Nein, auf diesen naheliegenden Einwand gegen Sarrazins Thesen kam niemand. Stattdessen wurde ein “Streetworker” (Sozialarbeiter) aus Berlin interviewt, der indirekt bestätigte, wie schwierig es ist, in Problemkiezen die Motivation für eine sozialverträgliche Lebensplanung nachgerade einzupflanzen. Schuld daran seien aber nicht die Problemkieze, sondern der “brutale Leistungsdruck” in unserer Gesellschaft, der nicht einmal vor dem eigenen Sohn des Streetworkers halt mache (der – und das ist ja ein Hammer – in der 13. Klasse seinen weiteren Bildungsgang bedrohenden Leistungsanforderungen ausgesetzt ist).

    Dieses Einzelschicksal – Vater schlägt sich beruflich schon mit Problemkindern herum, und dann stöhnt auch noch der eigene Sohn vor dem Abitur – konnte niemanden außer Sarrazin länger kalt lassen. Damit war das Feld bestellt für rot-grüne Sozialromantik, die Renate Künast meisterlich in die Schlussfrage verwandelte: Ob Sarrazin eigentlich provozieren (m.E. insinuierend, von Künast aber unausgesprochen: unbedingt Recht behalten), oder nicht lieber etwas für die Schwächeren tun wolle. Und nicht das nur in Diskussionsbeiträgen: Durch eine hineingereichte Zuschauer-E-Mail beantragt, war sich das Tribunal sehr schnell einig, dass Sarrazin zumindest den Erlös seines Buches (Künast: Herr Sarrazin, Sie sind doch ein wohlhabender Mann!) der von ihm sichtlich verachteten Sozialarbeit zu spenden habe.

    Mein Eindruck: Sarrazin trauert der Leistungsgesellschaft in ihrer althergebrachten Form der Ständegesellschaft nach. Das ist sein gutes Recht. Seinen Frust sollte er aber nicht an der Reproduktionsrate der Schlechtergestellten auslassen! Das ist zynisch.

  5. Die – zugegebenermaßen schwache – Sendung legte immerhin Ängste auf allen Seiten offen: Sarrazin schien mit seiner medialen Hinrichtung zu rechnen, die übrigen Gäste fürchteten sich davor, dass Sarrazin Recht behalten könnte.

    Mir ist äußerst unwohl, wenn ich diese insgesamt verklemmte Debatte verfolge, die Beckmann-Sendung war da nur ein Indiz. Warum können wir nicht entspannt uns an die Bestandsaufnahme machen? Sarrazin ist nur deshalb eine Provokation, weil wir nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen von 1990 (Stichwort Hoyerswerda) uns daran gewöhnt haben, aus übergeordneten Motiven des inneren Friedens bestimmte Probleme nicht zu “adressieren”.

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